Steinreich
Eine kurze Geschichte, die gut tut
Thamina träumte eines Nachts von dem perfekten Stein.
Er lag glatt und fast rund in ihrer Hand und er hatte ein besonderes Muster, das so zart und filigran aussah, dass sich ihr die Nackenhaare vor Freude aufstellten.
Als sie aufwachte, wusste sie, dass sie diesen Stein finden musste und wenn es ihre
Lebensaufgabe sein würde.
Sie zog sich an und ging los.
Erst sah sie sich in der näheren Umgebung um.
An Flussbetten und in den Wäldern.
Dann, als sie nicht fündig wurde, wanderte sie weiter und immer weiter.
Wenn Leute fragten, dann erzählte Thamina von ihrem Traum. Dabei bekam sie
glänzende Augen und die Leute wünschten ihr viel Glück.
Manche halfen ihr eine Weile sogar beim Suchen.
In Ägypten bekam sie einen Sonnenbrand, weil sie die Zeit vergaß,
in Sibirien fror ihr fast ein Finger ab, so konzentriert suchte sie die dortigen Steine ab.
Doch der perfekte Stein war nie dabei.
Ihre Fingerkuppen wurden mit der Zeit abgeschmirgelt von sandigen Steinen und ihre Handrücken trugen bald Narben von kantigen Felsbrocken.
An der Innenseite der Hände bildeten sich Schwielen.
Doch der perfekte Stein war noch immer nicht dabei.
Sie fragte große Persönlichkeiten und studierte Leute.
Sie nahm an geologischen Ausgrabungen teil und fragte allerhand Fachfrauen und Männer.
Doch er war nicht da, der perfekte Stein und so begann sie, an ihrem Traum zu
zweifeln.
Trotzdem ging sie weiter.
Mit hängendem Kopf und nur noch leise klopfendem Herzen zog sie eines Tages durch die Straßen einer fremden Stadt, als sie ein Geräusch hörte.
Neugierig blieb sie stehen.
Es war ein Klopfen und Hämmern und dann das Geräusch eines Steines, der zerbrach.
Thamina stellten sich die Nackenhaare auf. Hier war sie richtig.
Sie folgte dem Geräusch und betrat einen kleinen Hinterhof.
Überall standen Steine herum.
Steinsäulen, Steinfiguren, unbehauene Steinbrocken.
Und mittendrin stand eine Frau.
Sie war selbst völlig mit Staub bedeckt und bearbeitete gerade einen großen Stein.
Sie führte Hammer und Meißel so geschickt und konzentriert, dass sie Thamina gar nicht bemerkte.
Diese stand einen Moment mit offenem Mund da und konnte es nicht fassen.
Da war sie so lange auf der Reise gewesen, hatte so viel gesehen und erlebt, aber das hier. Das war ihr völlig neu.
Die Steinmetzin bemerkte sie, legte den Hammer weg und kam auf Thamina zu.
Sie streckte ihr die Hand zur Begrüßung entgegen, eine Hand, die genauso schwielig und zerfurcht war, wie die von Thamina.
Auch sie hatte Risse und Narben.
Doch es gab einen Unterschied.
Diese Hand hatte nicht jahrelang nach dem perfekten Stein gesucht.
Sie erschuf ihn einfach jeden Tag selbst.
2024, Anna Voge
Glücksnotiz für Dich
Vielleicht gibt es den perfekten Stein deiner Träume nirgendwo da
Draußen, in der weiten Welt. Vielleicht aber findest Du eine
Möglichkeit, zu lernen, ihn selbst zu formen.