Achtung. Hier gibt es eine vollkommen neue, aktualisierte Variante. Wenn Du sie haben möchtest, schick mir gerne ein Bild deiner gekauften Schachtel, und du bekommst die Geschichte per Post zugeschickt :)
Der Spiegel
Eine Geschichte, wenn du an dir zweifelst
Sybella stand an diesem schönen Samstag vor dem Spiegel und konnte sich nicht leiden.
Ihre Nase war zu groß, die Ohren zu klein, die Haare leicht grau, die Augen…
Da waren doch schon wieder neue Fältchen dazu gekommen, oder?
Sie ging stirnrunzelnd näher ran.
Es lag alles an diesem Spiegel.
An diesem dämlichen, altmodischen, verschnörkelten Spiegel.
Sybella schnaubte, stemmte dann die Hände in die Hüften und traf eine Entscheidung.
Sie nahm den Spiegel von der Wand, packte ihn unter den Arm und ging damit vor die Haustür.
Vor dem Nachbarhaus wurde gerade Sperrmüll gesammelt.
Sie stellte den Spiegel neben den Haufen Krimskrams und nickte zufrieden.
Zwei Mädchen kamen auf ihren Inlineskates angerollt.
„He, guck mal, ein Spiegel“, sagte das eine Mädchen entzückt zu ihrer Freundin.
„Lohnt sich nicht reinzugucken, man wird nur unzufrieden von“ sagte Sybella.
Die Mädchen blickten sie überrascht an. „Warum?“, fragte eines.
„Ist wie im Märchen“, sagte Sybilla, „wo die Königin vor dem Spiegel steht und fragt: Wer ist die Schönste im ganzen Land“
Sie zog die Augenbrauen hoch um ihre Worte zu bekräftigen:
„Und der Spiegel hier, der sagt einem immer nur: Du, meine Liebe, bist es auf alle Fälle nicht!“
Daraufhin stupste das eine Mädchen ihre Freundin in die Seite und flüsterte ihr etwas zu.
Sybella schüttelte den Kopf und ging zurück in ihre Wohnung.
Als sie sich mit Kaffeetasse und Frühstücksbrot an den Esstisch setzte, verzog sie das Gesicht und seufzte.
Von hier aus hatte sie einen perfekten Blick auf den Sperrmüllhaufen und auch auf ihren Spiegel.
Sie hätte das alte Ding wo anders entsorgen sollen.
Nun gut. Mit etwas Glück würde es nicht lange dauern, bis jemand den Spiegel mitnahm.
Eigentlich war er ja doch ein schönes Stück.
Die zwei Mädchen von vorhin rollten mit einem Schreibblock und einem Schulmäppchen an ihrem Fenster vorbei und ließen sich an der kleinen Mauer nebenan nieder.
Neugierig beugte sich Sybella vor, um die beiden besser sehen zu können, erkannte aber nichts.
Ihre Augen machten nicht mit.
Stattdessen wurden ihre Ohren von ihrer Türklingel abgelenkt.
Nachdem sie ein Päckchen für die Nachbarn angenommen und ein kurzes Schwätzchen mit der Postbotin gehalten hatte, ließ sie sich wieder an ihrem Fensterplatz nieder und sah hinaus.
Die Mädchen hatten scheinbar an ihrem Schreibspiel nicht lange Gefallen gefunden, denn der Block und das Federmäppchen lagen vergessen auf dem Mäuerchen und die Mädchen fuhren wieder einfach nur mit ihren Inlineskates herum.
Sybellas Blick wanderte wieder zu dem Sperrmüllhaufen – und ihrem Spiegel.
Sie seufzte.
Er war immer noch da.
Ein älterer Mann kam über den Gehweg geschlurft.
Sybella erkannte das Tok Tok des Gehstocks.
Herr Meier vom Ende der Straße.
Sein Rücken war gebeugt, der Gesichtsausdruck hinter den dicken Brillengläsern hoch konzentriert und er schnaufte bei jedem Schritt.
Neugierig blieb er beim Sperrmüll stehen.
Er guckte hier in eine Kiste, zog dort die Schublade von einem alten Schränkchen auf.
Dann entdeckte er den Spiegel.
Er sah hinein, runzelte die Stirn, hob die Brille hoch, blinzelte.
Dann lächelte er auf einmal und besah sich mit versucht aufrechtem Gang.
Er sah gleich ein paar Jahre jünger aus.
Sybella stutzte.
Und nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.
Kurze Zeit später kam Erika von Gegenüber. Mit drei großen Einkaufstüten hetzte sie den Gehweg entlang.
Auch sie blieb vor dem Sperrmüllhaufen stehen und ihr Blick fiel auf den Spiegel.
Sie ging einen Schritt näher.
Und dann noch einen.
Dann lächelte sie auf einmal.
Ihre Wangen bekamen einen rosa Schimmer.
Sie strich sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr und drehte sich, sodass sie ihren Po sehen konnte.
Sybella machte große Augen.
Es war ein wundervoller Po. Gar keine Frage.
Sie sah verschämt zu ihrem eigenen. Hm…
Wenn sie so einen wie Erika gehabt hätte, hätte sie vielleicht auch in den Spiegel gelächelt.
Sie schüttelte den Kopf. Die Welt war unfair.
Wenig später spazierte ein junges Pärchen vorbei.
Während die Frau in die Hocke ging und vergnügt in der Sperrmüll-Bücherkiste kramte, deutete der Mann auf den Spiegel.
Er sagte etwas zu seiner Begleiterin, die daraufhin den Kopf schieflegte und ihn liebevoll anlächelte.
Er zog sie hoch und sie küssten sich.
Eng umschlungen blickten sie eine Weile verliebt in den Spiegel.
Sybella schüttelte den Kopf. Sie war vollkommen verwirrt.
All diese Leute sahen doch in ihren Spiegel –
In ihren Spiegel, in dem man einfach nur scheußlich aussah.
Aber so ging es den ganzen Vormittag.
Immer wieder blieben Leute vor dem Spiegel stehen und lächelten sich kurze Zeit später an.
Sybella saß am Tisch, blickte hinaus und schüttelte verständnislos den Kopf.
Es war einfach zu verrückt.
Ein gestresster Mann mit versteinerter Miene zum Beispiel, gönnte sich eine Verschnaufpause vor dem Spiegel, lockerte die Krawatte und grinste auf einmal wie ein Kind.
Eine Gruppe Teenager machte reihum Selfies vor dem Spiegel.
Alle drängten sich vor das alte Ding, freuten sich, und gingen weiter.
Sonderbarerweise schienen sie sich alle zu freuen.
Vielleicht, überlegte Sybella, sollte sie es doch nochmal probieren und einen letzten Blick riskieren.
Sie ging kurz ins Bad und als sie wieder ans Fenster trat,
war der Spiegel verschwunden.
Sie zog erschrocken die Luft ein.
Nur einen Moment war sie weg gewesen und jetzt war ihre Chance vertan.
Sie wollte das Fenster öffnen, nachzusehen wer den Spiegel mitgenommen hatte, da klingelte es an der Tür.
Nanu? Die Post war doch schon da gewesen und sie erwartete keinerlei Besuch.
Wer konnte das sein? Sie hatte jetzt gerade keine Zeit. Sie musste ihren Spiegel zurück bekommen.
In Eile lief sie in den Flur, ging die paar Treppenstufen hinab zur Haustür und als sie diese öffnete,
schlug sie vor Schreck die Hand vor den Mund.
Sie sah einen Geist der genauso aussah wie sie selbst.
Dann hörte sie Kinderlachen und merkte, dass da etwas nicht stimmte.
Die beiden Mädchen auf ihren Inlineskates blickten rechts und links hinter dem Spiegel hervor und grinsten.
Natürlich.
Sybella verengte die Augen, blickte sich selbst an –
suchte nach einer Veränderung, irgendwas.
Aber sie sah genauso aus, wie am Morgen auch schon.
Nichts hatte sich geändert. Rein gar nichts.
Enttäuscht wollte sie die Wohnungstür schon wieder schließen, da riefen die Mädchen:
„Halt. Guck mal genau hin“
Sybella kniff die Augen zusammen, besah sich den Spiegel ganz genau
und da entdeckte sie den Zettel, der am oberen Rand klebte.
Mit kindliche Handschrift stand da:
Du bist einfach wundervoll!
Vor Rührung fasste Sybella sich an die Brust und zum ersten Mal seit langer Zeit,
lächelte sie ihr eigenes Spiegelbild an.
2024, Anna Voge