Die Ruhe-Insel
Eine Geschichte, zum inne halten
Am Morgen der Berufszeremonie für junge Ameisen seufzte Elisa schwer.
Sie war von einem Pochen wach geworden.
Erst hatte sie gedacht, das Geräusch käme von draußen. Aber dann hatte sie festgestellt, dass es Kopfschmerzen waren, die ihr wie leise Trommelstöcke gegen die Schläfen klopften.
Sie atmete tief ein und fuhr sich mit den Vorderbeinen über den Kopf und die Fühler, in der Hoffnung, das Pochen würde weniger, doch es half nicht.
Am liebsten hätte sie sich verkrochen, irgendwo in den Tiefen des Ameisenbaus. Aber man würde sie bestimmt suchen und finden.
Und so machte sie sich voller Unbehagen auf den Weg zum Tummelplatz.
Dort, an der linken Knickwurzel sollte sie heute ihre Wahl für ihre berufliche Laufbahn treffen – wie all die anderen jungen Ameisen auch.
Doch, im Gegensatz zu all den anderen Ameisen hatte Elisa keine Ahnung, was sie werden wollte. Oder besser, sie wollte NICHTS von all dem werden, was es schon gab.
In dem alten Ahorn-Baumstamm, in dem sie lebte, hatte jede und jeder seine ganz speziellen Aufgaben. Das war schon immer so gewesen, und das würde wohl in hundert Jahreszeiten-Zyklen immer noch so sein.
Es gab Jägerinnen und Sammler, Kindergärtner und Eierhüter, Entdeckerinnen und Baumeister. Straßenbauerinnen und Vorratssortierer. Die Liste der Berufe war lang, und die damit verbundenen Aufgabenstellungen waren es auch. So lang, dass Elisa nur beim Gedanken daran wieder das Pochen hinter ihren Augen spürte.
Sie reihte sich in die Ameisenstraße ein, die vor ihrer Kammer verlief und krabbelte im Gleichschritt mit den anderen los.
Es war derselbe Weg, den auch schon ihre älteren Geschwister, und deren ältere Geschwister, und deren Geschwister entlang gekrabbelt waren.
Er war ausgewaschen und hart, blitzblank von all den Generationen junger Ameisen, die stetig weiter eilten, die immer beschäftigt waren und scheinbar niemals müde wurden.
Immer voran, war der Leitspruch. Aber das konnte doch nicht alles sein, dachte Elisa und ihr Kopf hämmerte. Sie krabbelte langsamer als vorgesehen und wurde von der Ameise hinter ihr weiter gedrängt.
„Nicht stehen bleiben“, herrschte sie sie an. Elisa seufzte nur.
Sie hob den Blick und nahm aus den Augenwinkeln den großen, vor Leben und Arbeit brummenden Ameisenhügel um sich herum war.
Ein seltener Lichtstrahl drang durch die Decke des Hügels und Elisa blinzelte überrascht. Ihr Blick folgte dem Strahl, als er genau auf eine kleine, alte Wurzel traf, um die sich die Ameisenstraße herum schlängelte.
„Alarm“, rief jemand. Sofort entstand ein kleiner Aufruhr und Arbeiterinnen eilten sogleich zur Ameisenhügeldecke, um das Loch wieder zu stopfen. Der Sonnenstrahl verschwand, so schnell, wie er gekommen war.
Doch Elisas Interesse war geweckt. Sie blickte zu der Wurzel hinüber, wo das Licht kurz aufgeleuchtet war – und blieb dabei einen Moment zu lange stehen.
„Pass doch auf“, rief jemand und rempelte sie an.
Elisa strauchelte, fing sich dann wieder und krabbelte weiter.
Als sie aber an besagter Wurzel angekommen war, blieb sie wieder stehen und mit einem schnellen Schritt zur Seite fädelte sie sich aus der Ameisenstraße heraus und stand auf einmal ganz nah an der Wurzel.
Dort wo keine Ameise je stehen blieb.
Dort wo gar keine Straße war.
Das war nicht vorgesehen. Das wusste Elisa.
Nachbarn liefen an ihr vorbei und schüttelten die Köpfe.
Flüchtige Bekannte klapperten nervös mit den Beißzangen.
Lehrerinnen und Freunde auf dem Weg zur Berufszeremonie stutzten, als sie vorbei eilten.
Sie sahen Elisa verwirrt an, strömten dann aber ratlos weiter.
Elisa aber atmete tief durch und blickte sich um.
Die Wurzel vor ihr war alt und sehr hart, daher hatte sich die Straße um sie herum gebildet. Sie hatte Furchen und Kerben und doch hatte sie die Zeit überdauert.
Eine Insel, auf der die Zeit stehen zu bleiben schien – inmitten all dem Trubel.
Elisa schloss für einen Moment die Augen und genoss diesen besonderen Moment.
„Was machst du da?“, rief ihr jemand zu und Elisa zuckte zusammen.
Eine Ameise, die ein grünes Blatt in den Zangen trug, war ebenfalls stehen geblieben und sah zu ihr hinüber.
„Pass doch auf“, riefen ihr gleich mehrere Ameisen entgegen, drängten sich an ihr vorbei und schubsten die Blatt-Ameise zu Elisa auf den kleinen Wurzel-Platz.
Verwirrt strauchelte diese und ließ das Blatt fallen.
Einen Atemzug lang sahen sich Elisa und die fremde Ameise an.
Dann seufzte die fremde Ameise auf einmal. Sie blickte sich verwundert um und war überrascht, dass keiner von vorne oder hinten drängelte.
Sie streckte sich. Reckte sich. Schüttelte sie.
Für einen Moment genoss die fremde Ameise diesen besonderen Zustand.
Dann verneigte sie sich höflich vor Elisa und sprang wieder in die Ameisenstraße zurück.
Das Blatt aber ließ sie einfach liegen.
Elisa hob es auf und sah der Ameise hinterher, wie sie in der Menge verschwand.
Sie wusste, dass sie selbst sich eigentlich auch wieder in die Reihe einsortieren müsste. Aber sie hatte überhaupt keine Lust dazu.
Also blieb sie einfach stehen, schloss wieder die Augen und atmete tief ein und aus.
So lange schon hatte sie flach geatmet, oft sogar die Luft angehalten voller Furcht vor neuen Aufgaben, vor Eifer und Anspannung.
Sie atmete ein und wieder aus. Das Pochen wurde leiser. Der Kopfschmerz ebbte ein wenig ab.
Da wurde die nächste Ameise zu ihr auf den kleinen Wurzel-Platz gespült.
Sie hatte nur einen Augenblick zu lange zu Elisa hinüber geblickt.
Einen Augenblick, der im stetigen Strom der Ameisenstraße nicht vorgesehen war.
Elisa und die neue Ameise blickten sich an und als wäre es das Natürlichste der Welt lächelte Elisa der andern zu, schloss die Augen und die andere Ameise tat es ihr gleich.
Gemeinsam atmeten sie tief ein und aus.
Als sie die Augen wieder öffneten, sah die fremde Ameise verändert aus.
Frischer, ja irgendwie sogar mutiger, fand Elisa.
Auch diese Ameise verneigte sich höflich und verschwand, wie die Ameise vor ihr, wieder im Gedränge der Ameisenstraße.
Elisa aber blickte ihr hinterher und wusste mit einem Mal, was sie fortan tun wollte.
Sie nahm das Blattstück, das noch vor ihr lag und schnitt mit ihren Mundwerkzeugen die Worte:
Ruhe-Insel hinein.
Ja. Das war das passende Wort für diesen besonderen Ort.
Diesen Ort, den sie ab heute hüten und bewahren würde.
Als Zufluchtsort für all jene wie sie selbst.
Für alle, die gerade keine neuen Ziele anstrebten, die heute keine neuen Wege erschließen wollten,
und gerade mal keine neuen Herausforderungen brauchten.
Für alle, die auf der Suche nach einem Moment Zeit und Stille waren.
Zeit zum Durchatmen, Zeit zum Verschnaufen, Zeit um sich wieder zu sammeln, bevor sie sich wieder einreihten, in den stetigen Strom des Lebens.
2024, Anna Voge