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Hier gibt es eine neue Version. Wenn Du die Schachtel gekauft hast, schreib mir eine kurze Mail und ich schick Dir die neue Geschichte per Post zu :)
Urlaubsgefühle
Eine Sommer-Geschichte
Neben dem Hotel Zum Stadtblick gab es eine umfunktionierte Telefonzelle für gefundene, entlaufene, verliehene und verschollene Bücher.
Doch an dem heißen August-Vormittag dieser Geschichte, fand Almut die Hotelmanagerin dort etwas ,was definitiv kein Buch war.
Als sie die Tür öffnete, sprang ihr der Gegenstand bereits ins Auge.
Es war kein Spiel, kein altes Kleidungsstück. Nein. Es war eine Flasche. Genauer gesagt eine Milchflasche aus Glas.
Sie hatte einen breiten Hals, aber kein Etikett und ihr Inhalt war, nun ja – also Milch auf alle Fälle nicht.
Almut schüttelte die Flasche ein wenig und das Sammelsurium darin klimperte leise.
Muscheln und Steine, von Wasser und Gezeiten geschliffene Glasstückchen, ein verwittertes Stück Holz mit einem Loch und eine ganze Menge Sand.
Mit einem erwartungsvollen Plopp öffnete Almut den Schraubverschluss und hob die Flasche prüfend zur Nase.
Es roch nach Wellen und Meer. Nach Algen und Salz. So ganz anders als hier, in der Großstadt.
Sie kippte die Flasche, sodass eine Muschel heraus und auf ihre Hand rutschte.
Kühl und glatt fühlte sie sich an.
Und – nanu. Da stand was drauf.
„Urlaubsgefühle“, flüsterte Almut.
Für einen Moment schloss sie die Augen, drehte die Muschel hin und her und spürte, wie der Seewind ihr durchs Gesicht wehte, hörte Möwen und dachte an den Geschmack von frischen Fischbrötchen.
Ach ja. Almut blinzelte. Urlaubsgefühle…
Und spontan steckte sie die Muschel in die Hosentasche.
Dann drehte sie den Deckel wieder auf die sonderbare Flasche und stellte sie zurück ins Regal.
Zurück zur Realität, zurück zur Arbeit.
Sie ging durch den Haupteingang und an der Rezeption vorbei.
Gerlinde, die dort hinter dem Tresen stand hatte sichtlich mit der Hitze des Tages zu kämpfen.
Sie fächelte sich Luft zu, während sie Almut tapfer zulächelte und zum ringenden Telefon griff.
Almut betastete die Urlaubsgefühle-Muschel in ihrer Hosentasche, fischte sie kurzerhand heraus und legte sie leise und unbemerkt neben die Kundenklingel.
Gerlinde fand sie dort erst, als Almut schon in ihrem Büro verschwunden war.
Die Rezeptionistin strich behutsam darüber, schloss für einen Moment die Augen und dachte an einen Sandstrand in Italien, an eine kühle Brise und ein noch kühleres Eis mit Sahne. Ihre Zehen wippten voller Freude in den Sandalen.
Als sie die Augen wieder öffnete, stand ein Gast vor ihr.
„Sie sehen ja glücklich aus“, sagte er.
Gerlinde bekam rosa Wangen, freute sich aber über das Kompliment und versteckte die Muschel schnell in der Tasche ihres Rockes.
Zur Frühstückspause schaute sie in der Küche vorbei.
Emil, der Koch krakeelte wie ein Rohrspatz. Alles war verkehrt. Die Birnen waren zu hart, die Melone zu weich, der Ofen zu heiß.
Da legte Gerlinde ihm, direkt neben die Ausgabe-Klingel, die Muschel aus ihrem Rock.
„Himmel“, hörte sie ihn fluchen und dann, „Was zur Hölle ist das?“
Da war sie aber schon durch die Servicetür verschwunden.
Emil drehte die Muschel in der Hand und entdeckte die Schrift.
„Urlaubsgefühle“, schnaubte er, „Pah“, doch dann atmete tief durch…
… und dachte an Miesmuscheln in Frankreich, an den perfekten Wein dazu, an die Gemütlichkeit einfacher Speisen, an Baguette und Olivenöl.
„Chef“, unterbrach ihn der Lehrling ängstlich.
Emil blinzelte und brauchte einen Moment, um wieder in der Küche anzukommen. Dann klatschte er mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte: „Pass auf Junge, wir schmeißen alles um. Heute Mittag gibt es was anderes zu essen“
Und er steckte die Muschel fröhlich in seine Kochjacke.
Kurz vor der Mittagszeit lugte das Zimmermädchen Henriette durch die Tür.
„Hey. Habt ihr was Kleines für mich zum Essen?“, fragte sie.
Sie sah sichtlich erschöpft aus. Drei Serviceleute waren ausgefallen. Henriette hatte alle Hände voll zu tun und ausgerechnet heute ihr Pausenbrot zu Hause liegen gelassen.
„Ich bin urlaubsreif“, sagte sie müde.
Emil winkte sie heran, belegte ein Stück frisch gebackenes Baguette mit Frischkäse und Tomaten und reichte es ihr auf einem Teller.
Henriettes Augen leuchteten auf. „Hm“… Sie schloss die Lieder und Emil griff in seine Kochjacke.
Einen Moment später entdeckte das Zimmermädchen auf dem Teller die Muschel.
Emil dagegen war schon wieder hinter seinen Töpfen verschwunden.
Henriette drehte die Muschel hin und her.
Urlaubsgefühle…
Sie schloss die Augen, träumte von einem Picknick in den Dünen, von Sandburgen und Kinderlachen. Sie sah bunt angemalte Strandhäuser im Hintergrund und kleine Lädchen voller Schnickschnack auf der Promenade.
Selig seufzte sie, steckte die Muschel in die Schürze und ging beschwingt zurück zu ihrem Servicewagen, um ihn in den Aufzug zu schieben.
Zum Glück war es ein großer Aufzug, denn der Paketbote Harald wartete bereits darin und tippte auf seinem elektronischen Scanner herum.
„So ein sinnloser Aufwasch“, grummelte er vor sich hin. „Die Leute bestellen hin und her und zurück und wieder her. Früher“, er blickte auf und sah Henriette an, „Früher war ich der Überbringer liebevoller Briefe, von kleinen Päckchen in buntem Papier. Handschriftliche Sendungen stellte ich zu und nicht diesen Mist vom anderen Ende der Welt.“
Er tippte auf ein zerbeultes Paket und schüttelte den Kopf.
Als sie im Erdgeschoss ankamen und er mit seinem Wagen an Henriette vorbeifuhr, legte sie schnell und unbemerkt auf genau dieses zerbeulte Päckchen die Muschel und wünschte ihm einen schönen Tag.
Er bemerkte es erst am Lieferauto.
Misstrauisch beugte er sich über die Muschel. War sie aus dem Päckchen gefallen?
Er nahm sie in die Hand. Drehte sie hin und her.
„Urlaubsgefühle“, las er laut vor.
Einen Moment vergaß er die Pakete und den Verkehrslärm um sich herum und schwelgte in Erinnerungen an früher.
Er dachte an Liebesbriefe auf Büttenpapier, Postkarten, die mit einem Hauch Parfum eingesprüht waren, Urlaubskarten mit Fotos entlegener Urlaubsorte und Gebäuden wie das Taj Mahal, den Pyramiden oder riesigen Mammutbäumen aus Amerika.
Ein Auto hupte.
Harald zuckte zusammen, ignoriere aber den Fahrer, der an seinem Postauto vorbei wollte. Der konnte auch noch eine Minute warten.
Stattdessen drehte er den Kopf zur Büchertelefonzelle auf dem Gehweg.
Es war zwar kein richtiger Urlaub, überlegte er, aber mit Geschichten konnte man auch verreisen.
Voller Abenteuerlust ging er darauf zu, öffnete die Tür und entdeckte etwas darin, das definitiv kein Buch war…
Es sprang ihm förmlich ins Auge.
Es war kein Spiel, kein altes Kleidungsstück. Nein. Es war eine Flasche. Genauer gesagt eine Milchflasche aus Glas.
2024, Anna Voge