Nur ein paar Plätzchen?

Nur ein paar Plätzchen?

Es waren einmal zwei ältere Damen, eine mit rötlich gefärbten Haaren (und einer orangenen Strähne darin) und eine, die trug ihre Haare grau, wie die Zeit sie gemalt hatte, aber darauf immer ein schlichtes, rotes Hütchen.

Diese Beiden trafen sich regelmäßig für einen Plausch auf einer Bank, die vor dem Haus der einen stand.

Die Frau mit der orangenen Strähne, brachte oft eine Dose mit selbst gebackenen Plätzchen mit.

Die andere, die mit dem Hütchen, griff gerne zu.

So saßen sie dort eine Weile, grüßten die Vorbeiziehenden, erzählten sich den neusten Klatsch und Tratsch und gingen dann grüßend wieder auseinander.

Eines Tages aber, saß die Frau mit der orangenen Haarsträhne alleine auf der Bank, denn ihre Freundin war nicht vorbei gekommen.

Sie seufzte, aß eines ihrer Plätzchen, grüßte die Vorbeigehenden und ging wieder ins Haus.

Eine ganze Woche ging das so weiter und sie machte sich bereits Sorgen.

Da blieb, einen Tag darauf, plötzlich eine junge, unbekannte Frau vor der Bank stehen und sprach sie an:

„Sind Sie die Frau mit den Wunder-Plätzchen?“.

Die älter Dame blinzelte verdutzt.

Die Jüngere sprach weiter: „Meine Mutter liegt im Krankenhaus. Sie ist auf der Treppe gestolpert und hat sich das Bein dabei arg verstaucht. Und sie ist untröstlich, weil sie sie nicht besuchen kann. Sie spricht nur von Ihnen und ihren Plätzchen“.

Oh, vor Schreck ließ die Frau auf der Bank ein Plätzchen fallen. „Ist es sehr schlimm?“, fragte sie.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Es geht ihr von Tag zu Tag besser, aber nun ja, ich wollte sie fragen, ob sie vielleicht ein paar Plätzchen entbehren könnten, damit sie schneller gesund wird“.

„Na, wenn es nur das ist“, sagte die Frau mit der orangenen Haarsträhne und verschwand im Haus.

Zurück kam sie mit einer ganzen Schachtel Plätzchen.

„Probieren sie mal eines“, sagte sie zu der Jüngeren und gemeinsam setzten sie sich auf die Bank.

Verlegen griff die fremde Tochter in die Schachtel und begann zu kauen.

„Sie schmecken sehr gut, diese Plätzchen“, sagte sie dann, „Aber ich bin ein wenig verwirrt. Ich habe geglaubt, diese Kekse hätten irgendeinen Zauber. Irgendetwas magisches. Aber eigentlich sind es nur einfache Plätzchen oder?“

Da lächelte die ältere Dame milde.

„Vielleicht haben sie recht“, sagte sie, „Aber vielleicht versteckt sich in diesen Nur-Plätzchen auch ab und an ein Trostpflaster, ein Sonnenschein im Winter, ein Glückskeks, ein geteiltes Geheimnis… wissen sie?“

Die fremde Tochter kaute das Plätzchen zu Ende und schien über die Worte nachzudenken.

Sie runzelte die Stirn, grübelte, schüttelte dann aber den Kopf.

Trotzdem bedankte sie sich und nahm die Dose Plätzchen mit ins Krankenhaus.

Die Dame auf ihrer Bank sah ihr nach und seufzte.

Einfach nur Plätzchen, pa! Und sie vermisste ihre Freundin um so mehr.

Ein paar Tage verstrichen und dann stand die junge Frau überraschend wieder neben der Bank vor dem Haus.

Sie hatte eine Dose in der Hand. Eine alte Plätzchen-Blechdose.

„Ich hab über ihre Worte nachgedacht“, sagte sie und reichte der Älteren verlegen die Dose. „Die hab ich selbst gebacken, nach einem Rezept von meiner Mutter“.

„Oh“, sagte die Frau mit der orangenen Haarsträhne entzückt.

Sie deutete auf die Bank.

„Setzen sie sich einen Moment zu mir und erzählen sie, während ich einen, ihrer köstlichen Nur-Plätzchen probiere“.

Nur-Plätzchen“, sagte die Jüngere und musste lachen. Dann sagte sie, wie zu sich selbst:

„Plätzchen, die nur einen Moment Zweisamkeit versprechen, nur eine kleine Abwechslung im Alltag bieten, nur eine Gelegenheit ermöglichen, die Zeit zu genießen… Plätzchen, die nur einen Funken Zuversicht versprühen…“

Die beiden Frauen sahen sich an.

Nur so ein Gedanke“, sagte die Jüngere und zuckte mit den Achseln.

„Aber ein guter“, sagte die Ältere und nahm sich noch ein Plätzchen.

2024, Anna Voge


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